Hat das Ulmer Dichterviertel das Zeug zum neuen Kult-Kiez?

„Dichterviertel“ - ja, das klingt gut. Da sollte man wohnen. Das Ulmer Dichterviertel allerdings heißt so, weil Straßennamen auf Dichter wie Schiller, Goethe, Kleist, Hauff und Mörike zurück führen. Die Realität dieses Quartiers ist eine andere.

Hat das Ulmer Dichterviertel das Zeug zum neuen Kult-Kiez?

Die Realität ist ein Mischmasch von flachen Gewerbe- und verschnörkelten Altbauten sowie charmelosen Nachkriegshäusern, dann schlängelt sich noch die Blau mitten hindurch, hier ein Spielplatz, dort das Schubart-Gymnasium und Relikte der Bundesfestung. Dieses Mischmasch ist eingeklemmt zwischen dem Schienenstrang des Bahnhofs, dem stark befahrenen „Ehinger Tor“ und dem Hindenburgring - also der B10, die Ulm entlang des Dichterviertels zerschneidet.

Bis vor 200 Jahren waren dort noch Felder

Bis ins frühe 19. Jahrhundert lag das Gebiet, das damals noch „Bei der Lohmühl“ hieß, vor der Befestigungsanlage und wurde überwiegend landwirtschaftlich genutzt. Als die Wallanlagen zur Bundesfestung erweitert wurden, gehörte es ab 1844 zum Ulmer Stadtgebiet. Auf den Flächen der alten Befestigungsmauer entstanden dann vier Jahre später der Ulmer Hauptbahnhof und die Gleise.

Gute Verkehrsanbindung

Nun könnte man natürlich sagen: Das Viertel liegt gut, man ist schnell aus der Stadt draußen, wenn man auf der B10 Richtung Süden zur A7, ins Allgäu, will. Und in anderer Richtung ist man auf der B10 schnell oben auf dem Eselsberg oder dann eben auf der A8 Richtung Stuttgart. Noch näher: der Bahnhof. Wenn die Alb bald fertig durchbohrt ist, geht’s von hier aus in einer halben Stunde nach Stuttgart. Wer das Negative an der Verkehrssituation sieht, sieht die sich kontinuierlich mit Autos nachfüllenden Abbiegespuren, ahnt ihren Smog, hofft, dass die Lärmschutzwände etwas Lärm abhalten.

Hier ist Ulm shabby-chic und noch nicht fertig

Wer am Ehinger Tor ins Dichterviertel abbiegt, noch vor dem Universum-Center, der kommt an einem arabischen Lebensmittel-Laden und einem spanischen Restaurant vorbei, die beide in einem hübschen württembergischen Klinkerhaus aus der Gründerzeit beheimatet sind. Rechter Hand: Schienen und der ausgelagerte Busbahnhof. Dann das Landratsamt, das gerade einen Anbau bekommt. Es geht vorbei an einem türkischen Imbiss, an einem Autoschilder-Laden, an einem Kiosk und an einer in die Jahre gekommenen Kneipe. In diesem Viertel ist das Unperfekte, Verranzte, Verlebte mit Biografie zu Hause; hier wird der Drang zum Entdecken aktiviert. Hier ist Ulm shabby-chic und noch nicht fertig - kein geschlecktes Postkartenmotiv wie auf der anderen Seite der Bahnschienen, im Zentrum. Der Realist sieht hier die Makel, der Visionär aber das Potenzial.

Neuer Szene-Hotspot

Und das Potenzial sehen derzeit viele. Einige der Häuser aus den unterschiedlichen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts sind frisch gestrichen und saniert worden, das Café Blau lädt neben dem Bächlein mit den Enten ein zum günstigen Mittagstisch, in der Nähe wird italienische Feinkost verkauft, vorn, an der Schillerstraße, haben junge Wilde - zwei frisch gebackene Abiturienten der Ulmer Waldorfschule - mit Unterstützung der Stadt ein altes Bahnhofsgebäude erobert und ein Kulturzentrum draus gemacht: das „Gleis 44“. Seit vergangenem Jahr finden in dem mit Graffiti gestalteten Backsteingebäude mit dem Innenhof Konzerte und Workshops statt, es gibt eine Open-Air-Bar und viel Raum, um sich selbst auszuprobieren. Das Konzept zieht an. Am Wochenende überqueren Studenten und junge Berufstätige die Bahnbrücke und fallen quasi ins Gleis 44.

Am anderen Ende der Schillerstraße ist das Roxy zuhause, ein weiteres Kulturzentrum - im Mainstream schon deutlich etablierter. Seit mehr als 30 Jahren gehen dort Konzerte, Partys und Comedy-Events über die Bühne.

Auch die Stadt kennt das Potenzial des Dichterviertels: Sie hat es im Jahr 2007 zum Teil des Sanierungsgebiets Weststadt ausgerufen und 2011 zum eigenständigen Sanierungsgebiet erklärt. Sie möchte in dieser Top-Lage neben Innenstadt und Bahnhof ein „attraktives Quartier für Wohnen und Dienstleistung“ erschaffen und es besser verknüpfen mit den angrenzenden Quartieren. Wohnraum für rund 1.600 Menschen soll entstehen. Dazu sollen 800 Wohnungen neu gebaut werden und „brach liegende Areale vitalisiert werden“, auch neue Plätze sind geplant.

Neues Wohnen am Ikea-Kreisel

Dem Ulmer Investor „Pro Invest“ kommen die Pläne der Stadt Ulm gerade recht. Er hat sich auf Flächen im Nordteil des Dichterviertels, an der Kleiststraße, gestürzt und vermarktet bereits seinen Gebäudekomplex am lauten Ikea-Kreisverkehr mit dem Slogan „6 Gründe für Lifestyle unter Dichtern“.

Urbaner Stadtplatz

Im Zentrum des Dichterviertels soll darüber hinaus ein „urbaner Stadtplatz“ entstehen. Den Plänen zufolge wird dann die südlich gelegene Kleine Blau über Uferterrassen erreichbar sein „und damit intensiver erlebbar“ von den Bewohnern. Der Platz soll die Innenstadt-Achse mit dem Dichterviertel verbinden. Auch neue Rad- und Fußwege-Verbindungen sind geplant.

Ein Gemeinschaftsgarten, der Früchte trägt

Gleich hinterm Böblinger Turm, einem Überrest der Ulmer Bundesfestung, gärtnern seit Herbst 2017 etwa zwanzig Studenten, Familien, Alleinstehende, Senioren und Mitglieder des Reha-Vereins, der im Dichterviertel ansässig ist. Birgit Reiß, die das Projekt „Nachbarschaftsgarten“ von der AG West aus voran getrieben hat, erzählt von einem tollen Miteinander. Viele der Beteiligten kämen aus dem Dichterviertel oder aus angrenzenden Gebieten. Etwa 25 Hochbeete haben sie schon aufgebaut auf dem alten Parkplatz der Wagnergrundschule. Statt grauem Asphalt sieht man es nun hier wachsen und gedeihen. Birgit Reiß: „Wer mitmacht, kann sein eigenes Beet haben und pflegen. Es gibt aber auch Gemeinschaftsbeete, zum Beispiel mit Kräutern - da dürfen sich auch Fremde mal was abschneiden.“

Mitmachen und gemeinsam gärtnern

Nicht nur während des gemeinsamen Gärtnens sondern auch bei Aktionen, wie zum Beispiel dem Rauhnachtfest oder Workshops zum ökologischen Gärtnern, lernen sich die Dichterviertel-Leute besser kennen. „Wir haben auch eine Rentnerin, der ein eigener Garten zu viel ist. Hier kann sie ungezwungen mitmachen und es gießt auch mal wer anders ihr Beet mit.“ Der Garten ist frei zugänglich für jeden. Mit Vandalismus habe es noch keine Probleme gegeben, allerdings hätten Unbekannte sich letztes Jahr unter anderem an Tomaten bedient - das bedauert die Initiatorin und sucht nach einer Lösung. Dennoch: Der Garten trägt Früchte - nicht nur zum Essen, sondern auch, was das Soziale angeht. Er verbindet Menschen. Im Mischmasch des Dichterviertels. Für etwa sechs neue Hochbeete wäre zur Zeit noch Platz …

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