Dieser Ulmer ließ sein Leben als Versicherungsverkäufer hinter sich, um in Spanien als Straßenmusiker zu spielen

Seine Riffs hallen durch die Hirschstraße: Steffen aus Ulm hat alles aufgegeben und vieles zu erzählen. Der Sonne entlang bis nach Afrika - und wieder zurück. Natürlich mit Gitarre. Ein Roadtrip.

Dieser Ulmer ließ sein Leben als Versicherungsverkäufer hinter sich, um in Spanien als Straßenmusiker zu spielen

In der Fußgängerzone, unweit des Münsterplatzes, spielt ein Mann Gitarre. Die Sonne reflektiert sich in seinem Gesicht. Es ist 17 Uhr. Feierabend. Ulmer hasten vorbei, halten inne, werfen ein paar Münzen in die Gitarrentasche des Musikers. Eine Frau bringt Limonade. Eine andere sagt: „Ich finde deine Stimme echt schön“, bevor sie davoneilt.

In den Cafés ringsum haben ein paar Ulmer ihre Stühle vorsichtig in Richtung Musik gerückt. Ein kleiner Hund spielt auf der Gitarrentasche, er streckt sich zufrieden Richtung Sonne.

Mysteriöser Gitarrenspieler zieht Leute in seinen Bann

Im Takt klopft der Musiker auf die Gitarre, spielt ein paar eingängige Riffs. „Was ist das für ein Lied?“ Eine Passantin will es genau wissen, um den Song später zu streamen.

Sir Jamelot.“ Der Mann mit der Gitarre räuspert sich, legt das Instrument zaghaft zur Seite. Deutet dabei auf von Hand gestickte Initialen auf der Gitarrentasche. „Sir Jamelot, das bin ich. Das Stück heißt „Security of Soul.“

Es ist der Ulmer Steffen. Der 34-Jährige hat alles hinter sich gelassen. Früher habe es ihn große Energie gekostet, auf Menschen zuzugehen. „Ich war ganz schüchtern.“ Bis zu dem Tag, an dem er beschloss, eine Gitarre in die Hand zu nehmen. „Ich habe früher Versicherungen verkauft.“ Er schüttelt mit dem Kopf. „Echter Quatsch. Ich war 24 Stunden, sieben Tage die Woche der Mensch, der ich nicht sein wollte.“

„Ich habe früher Versicherungen verkauft.“

Steffen gibt das Dasein als Versicherungsmakler auf, lernt Gitarre. Sein Lehrstück: „Nothing else matters“ von Metallica.

Aussteiger-Leben in Spanien

Es ist der erste November 2018. Steffen gibt seine Wohnung in Ulm auf. Mit ein paar Ersparnissen in der Tasche steigt er ins Auto. Die Reise soll ihn nach Italien führen. Bereits am ersten Tag stellt ihn das Schicksal vor vollendete Tatsachen. „Meine Gitarre, auf der ich das spielen gelernt hatte, wurde geklaut.“ Steffen fährt weiter nach Frankreich, schläft mal hier, mal dort. Aber immer im Auto. Immer die Küste entlang.

„Auf einmal war ich in Tarifa. In der andalusischen Provinz, an der Straße von Gibraltar hat man die Sicht rüber bis nach Marokko.“ Der Musiker strahlt. „Diese Aussicht. Besonders nachts ist das gigantisch. 14 Kilometer vor Afrika!“

In Tarifa lernt er einen Deutschen kennen, mit dem er gemeinsam nach Marokko übersetzt. Er besucht die weltbekannten, 100 Meter langen Ouzoud-Wasserfälle im marokkanischen Atlas-Gebirge. Mehrere Wochen verbringt er bei einer Familie, die sich in Marokko um schwer erziehbare Kinder kümmert. Gerne wäre er geblieben, Steffen spricht allerdings weder Französisch noch Berber.

Unvergessliche Nächte am Strand von Tarifa

Zurück nach Tarifa. Auf einem Campingplatz trifft er eine Fischerin, mehrere Surfer „und sogar einen mobilen Friseur!“ Casia, Pascal, Danny, Hanna und Mikael bilden eine internationale Gemeinschaft. Vom Zufall zusammengewürfelt überwintert die Truppe am Strand von Tarifa, einem der Weltschauplätze für Windsurfer.

„Wir saßen nächtelang am Lagerfeuer. Haben in den Boden ein Loch gegraben und mit Sand aufgefüllt. Topf drauf. Darin haben wir die wundervollsten Sachen gekocht. Ich hatte die Idee. Pascal hat sie dann umgesetzt.“

„Die ganzen Jahre, in denen ich versucht hatte, der Mensch zu sein, der ich niemals war.“

„In Tarifa ist dann alles von mir abgefallen. Die ganzen Jahre, in denen ich versucht hatte, der Mensch zu sein, der ich niemals war. Steile Sache.“ Steffen runzelt die Stirn und greift nach der Gitarre. In Gedanken ist er wahrscheinlich längst beim nächsten Riff. „Dieser ganz normale Weg, den man in der Gesellschaft eben so geht.“

In der Heimat gestrandet

Steffen kehrt von seiner Reise nicht alleine zurück. In Almeria findet er den Hund Bunny, inzwischen 5 Monate alt. Meistens liegt Bunny verträumt in der Sonne. Wenn Steffen seine Gitarre zur Seite legt, wird Bunny zum Wirbelwind, ringt mit der Gitarrentasche. „Unser Ritual. Wenn ich mit der Arbeit fertig bin, dann ist sie an der Reihe“, Steffen lächelt.

Seit einigen Wochen ist er zurück in Ulm. In der Heimat gestrandet. „Ich denke darüber nach, mich in der Musikbranche selbständig zu machen. Ich gehe in Bars, Cafés und Clubs und frage, ob ich spielen kann. Danach lasse ich meinen Hut rumgehen.“ Der erste große Auftritt steht Ende Juni an. In Kempten ist Steffen auf einem Sommerfest gebucht.

Nur manchmal noch spielt Steffen in der Ulmer Fußgängerzone. Dann erinnert er sich genau daran, wer er einmal war und wer er jetzt nicht mehr ist.

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