Wilde Partys, Weltstars! So legendär waren die 80er-Jahre im heutigen „Rockside“

39 Jahre im Clubgeschäft: Am Pfingstsonntag, 9. Juni, feiert Rockside-Betreiber Frieder Hieber zusammen mit cityStories Ulm seine Jubiläumsparty. Mit dabei: Milli Vanilli. Anlass für einen Rückblick auf die unvergesslichen Zeiten in der Location.

Wilde Partys, Weltstars! So legendär waren die 80er-Jahre im heutigen „Rockside“

Viel Glitzer. Föhnfrisuren. Prallgefüllter Dancefloor. „Girls Just Wanna Have Fun“ von Cyndi Lauper folgt auf „Boys Don’t Cry“ von The Cure. Skurrile Tanzschritte. Frauen in bunten Kleidern, breites Lächeln, große Ohrringe. Männer in Lederjacken, gemusterten Hemden, lässiger Blick. Gigolos auf Beutezug, Paradiesvögel an der Schampusbar. Willkommen in den 80ern, willkommen im Nachtleben, willkommen in der Sündenkammer Ulms: dem Westside.

Sieben Tage Party

Der Zeremonienmeister der wilden Feiereien, die in diesen Zeiten nicht selten sieben Mal in der Woche steigen, heißt Frieder Hieber. Ein Mittzwanziger mit Magnum-Schnauzer und einer Vorliebe für Popmusik. Er war es, der seinen Vater Ende der 70er davon überzeugt hatte, den alten Familiensupermarkt „Hieber“ in der Nähe des Blaubeurer Tors in eine Disco zu verwandeln. Zusammen mit seinem Bruder macht Hieber den neuen Laden in der Stadt bekannt.

Die 80er sind die goldenen Zeiten im Westside. Es ist der erste Laden am Platz. 40 Festangestellte und 120 Aushilfen sorgen dafür, dass der Betrieb läuft. Hier trifft sich die Ulmer Schickeria, Rocker und Popper kommen gleichermaßen auf ihre Kosten, jeder Abend schreibt seine ganz eigene Geschichte. Besonders dann, wenn große Musikstars in der Donauhalle spielen. Dann nämlich treffen sich Hieber und seine Konkurrenten Garry Lottermoser und Manfred Zauter vom Nachtclub „Aquarium“ an der Eventlocation – und buhlen darum, in welchem Laden die Prominenz ihre Aftershowparty feiert.

Im Konvoi vors Westside

Den Kampf um Helen Schneider gewinnt Hieber. Mit einem Blumenstrauß und charmant-mangelhaftem Englisch überzeugt er die Rocksängerin, nach ihrem Auftritt ins Westside zu kommen. Nach der Zusage mietet Hieber mit seinem Kumpel in Neu-Ulm zwei Mercedes S-Klassen, sie verkleiden sich als Chauffeur – schwarzer Hut, weiße Handschuhe – und fahren Schneider mit ihrer Entourage im Konvoi durch Ulm. Ein Weltstar kommt! Das Westside bebt!

Stars und Sternchen

Es sind Geschichten wie diese, die Hieber mit leuchtenden Augen an die alten Zeiten zurückdenken lassen. „Die 80er“, sagt der heute 63-Jährige, „waren unbeschreiblich.“ Im Obergeschoss aßen die „Scorpions“ zu Abend, Peter Schilling spielte für 700 Mark und „Hot Chocolate“ sorgten für eine Massenhysterie vor der Disco. „Natürlich sind diese Nächte bis heute unvergesslich. Aber ich erzähle mindestens genauso gerne von all den Ehepaaren, die sich bei mir im Westside kennengelernt haben und bis heute zusammen sind“, sagt Hieber und schmunzelt.

Aus „Westside“ wird „Die neue Oper“

Doch die Konkurrenz schlief nicht. Ende der 80er schossen neue Läden aus dem Boden. Das Ulmer Ausgehpublikum verteilte sich. Paul Staffen eröffnete das Myer’s am Lautenberg, das Lollipop ging in Senden an den Start. Schwere Zeiten für die Location in der Banzenmacherstraße. 1991 machte Hieber das Westside schließlich zu und krempelte den Club in Heimwerker-Manier um. Neue Wände, neuer Stil. Täglich hämmern, täglich bohren. Streichen und sägen. „Ich investierte rund 700.000 Euro“, erzählt Hieber. Das Ergebnis: Aus dem „Westside“ wurde „Die neue Oper“. Legendär: Die „Alles ist Banane“-Partys, bei denen im ganzen Club frische Bananen von den Decken hingen.

Roxy macht der „Neuen Oper“ Konkurrenz

Wieder schaffte es Hieber, die Ulmer zu begeistern - allerdings nur an vereinzelten Abenden. Denn das neu eröffnete Roxy erschwerte ihm das Wochenendgeschäft. Eine durchgehend volle Hütte wie zu Westside-Zeiten? Fehlanzeige. Utopie. Mitte der 90er war das Kapitel „Die neue Oper“ beendet.

„Ich machte mir zu dieser Zeit selbstverständlich Sorgen. Wäre das Gebäude nicht in Familienbesitz, hätte ich mich wahrscheinlich aus dem Nachtleben verabschieden müssen“, gesteht Hieber. Doch er gab nicht auf und stieß auf ein Konzept, das den Ulmern noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Dieses Mal kein Club, sondern eine Bar. Voll ausgestattet mit Bildschirmen. Darauf zu sehen: Der Bierpreis – leicht schwankend wie der Börsenkurs.

Auf Knopfdruck dann der Crash: Die Gäste eilten zur Bar, drängelten und schubsten. Denn das Pils ging für zwei Minuten zu Pfennigbeträgen über die Theke. Der Name der Kneipe obligatorisch: „Wallstreet“. „Ich habe mich teilweise gefreut wie ein kleines Kind, als ich den Börsencrash ausgelöst habe. Das Personal hingegen eher nicht. Die mussten dann schaffen wie die Brunnenputzer“, lacht Hieber.

Erneuter Neuanfang

„Ein beliebter Satz aus dem Nachtleben lautet: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, sagt Hieber, „und Ende der 90er war die Zeit des ,Wallstreet‘ schon wieder abgelaufen. Ich merkte: Das wird keine langfristige Sache.“ Wieder die Identitätssuche. Wieder war ein Neustart gefragt.

Zusammenarbeit mit Capo

Anfang der 2000er tat sich Hieber schließlich mit dem Ulmer Kult-Gastronom Dieter „Capo“ Zauner zusammen. Beide wollten dem leerstehenden Club wieder neues Nachtleben einhauchen. In Anlehnung an die goldenen Zeiten des „Westside“ und in Verbindung mit dem neuen Musikkonzept taufte Capo die Disco an den Freitagspartys „Rockside“. „Ich weiß es noch wie heute“, erzählt Hieber, „Capo ist mit Flyern durch die Stadt getigert und hat jeden bequatscht, ins Rockside zu kommen. Und er hat es natürlich geschafft.“ Die neuen Impulse funktionierten, das Geschäft boomte wieder. „Es war schön zu sehen, dass es nach den schwierigen Jahren wieder bergauf ging“, sagt Hieber.

39 Jahre im Clubgeschäft

Bis heute ist das „Rockside“ eine beliebte Adresse. Mit seinen bunt gemischten Events – ob „90er-Party“ oder „Bi-Homo-Bi-Hetero“ - hat es seinen Platz in der Ulmer Clublandschaft über viele Jahre verteidigt. „Keine Selbstverständlichkeit“, wie Hieber weiß. 39 Jahre ist der Gastronom inzwischen im Ulmer Nachtleben tätig. Eine Zahl, die bei Hieber Schwindelgefühle und Stolz auslöst.

Am Pfingstsonntag, 9. Juni, wird das Jubiläum im Rockside groß gefeiert. Mit dabei – wie sollte es anders sein – eine 80er-Jahre-Legende: Fab Morvan tritt mit der neuen Besetzung von „Milli Vanilli“ auf.

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